Dienstag, 26. März 2013

Kaffeeklatsch mit Amber

Amber haben innerhalb kürzester Zeit einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ihr Post-Hardcore/Metal im Stil von Cult of Luna hat über verschiedene Blogs den Weg über den großen Teich gefunden. Zu Recht! Amber machen großartige Musik. Ich kenne Anna (Stimme) noch über ihre alte Gießener Band und hab mich auf den Weg nach Marburg gemacht, um mich mit ihr und Jussi (Schlagzeuger + Songschreiber) zu unterhalten. Nachdem mein Navi kollabierte und mein Scheibenwischer bei eisiger Witterung vor sich bröckelte kam ich ziemlich verspätet in Marburg an. Zu dritt begaben wir uns dann in ein erstklassiges Biedermann-Café nicht unweit des Schlossbergs.  Ende April kommt die neue Amber EP namens "Lovesaken" über Halo of Flies (US), Narshada (D) und Protagonist Music (US)! EMPFEHLUNG!


UtopiaNow: Wollen wir anfangen oder erstmal auf den Kuchen warten?

Anna: Nö, von mir aus können wir anfangen.

UtopiaNow: Wo sitzen wir hier gerade und seid ihr öfter hier?

Jussi: Also ich bin zum ersten Mal hier (lacht).

Anna: Also ich so sitzend auch (hehe). Wir sind hier im Kaffee Klingelhöfer in Marburg ich würde sagen klassischer...

Jussi: Oma-Treff! (Gelächter)


Anna: Klassischer Oma-Treff, ja – mit leckerem Kuchen auf jeden Fall! Traditionshaus!

UtopiaNow: Wohnt ihr beide in Marburg? Wie lässt es sich hier so leben?

Jussi: Jup

Anna: ja

UtopiaNow: Was hat euch hierhin verschlagen?

Jussi Ich studier hier, seit 4 ½ Jahren und komme auch hier aus der Gegend.

Anna: Ich bin zurückgekommen, wegen meines Jobs. Ich bin im Außendienst und habe Marburg als Stützpunkt und fahre von hier aus in alle Richtungen.

UtopiaNo: Du warst vorher in verschiedenen anderen Städten, um da dein Glück zu versuchen?!

Anna: Genau,.. nee (lacht) Alle anderen Städte Siegen, Düsseldorf, Stuttgart waren Studien- beziehungsweise Praxissemester vor der Diplomarbeit. Und das ist jetzt mein erster Job danach und meine erste Stadt danach. Ich hab Medizintechnik studiert und bin jetzt im Außendienst für Herzschrittmacher und implantierbare Defibrillatoren. Also ich fahr jeden Tag

>>> Der Kuchen wird serviert. Dazu gibt es Kaffe und einen geschwungen Löffel, der sich durch sein innovatives Design selbst an der Tasse hält. Holy Moly!>>>


Jussi: Ich studier Lehramt .. In Marburg gibt’s das nur auf Gymnasium. Als Student hat man da viel Zeit um Musik zu machen (lacht). Geht schon.

(…)

UtopiaNow: Drehen wir die Zeit zurück... (Achtung journalistischer Kunstgriff): Wie seid ihr mit dieser Art von Musik in Berührung gekommen?

Anna: Ich fange mal so 'rum an.. im Grunde hat jeder aus der Band schon irgendwelche musikalischen Vorgeschichten. Man entwickelt sich ja auch immer weiter. Für mich persönlich ist Amber, genau die Art von Musik, die ich schon immer machen wollte, die ich auch schon sehr lange höre. Es ging immer wieder in diese Richtung zurück.
Es gab bei mir auch so verschiedene Phasen, mal mehr Metal, Straight-Edge Hardcore, so Geballer, vertrackter Kram, New School, aber es ging immer wieder zurück zu dieser Art von Musik. Momentan gibt es, glaube ich, sehr viel mehr Bands in diesem Genre als in den letzten Jahren.

Jussi und ich haben uns getroffen, als Jussi bei meiner alten Band (Out for a Kill) als Gitarrist vorgespielt hat. Das ist dann aber nichts geworden und dann haben wir uns auch ewig nicht gesehen. Und als ich dann zurückgekommen bin nach Marburg da haben wir uns zufällig auf einer Electro-Party getroffen. Ich wusste, er hat noch irgendein Projekt am Start und da habe ich ihn darauf angesprochen und so hat das angefangen.




Jussi: Gestartet ist das Ganze als Homerecording-Projekt von mir. Ich hab zu Hause die Drums programmiert, Bass und Gitarre eingespielt und aufgenommen, damals noch ohne Gesang. Das war schon 2008. Da habe ich die ersten Sachen geschrieben. Da hatte ich aber noch keine Intention das jemals Live zu machen. Das war alles Just For Fun. Da hatte ich insgesamt so vier, fünf Songs aufgenommen. Und das hab ich Anna vorgespielt. Als sie dann Bock darauf hatte, darüber zu singen, erst da wurde es konkreter. Und wir haben uns Leute gesucht und wollten dann auch tatsächlich mal live spielen. Wir haben dann zusammen überlegt, mit wem können wir das zusammen aufziehen. Mein Cousin, der Bronco, war dann sofort am Start und dann haben wir die Anderen mit an Bord geholt.





...schleppenderrrrr Kram....

UtopiaNow: Diese Art von Musik.. dieser schleppende Kram: Könnt ihr zum Ausdruck bringen, was euch daran so reizt?

Anna: Whoo..(lacht)... das ist schwierig.. Ich glaube was mich daran anfixt sind mehr die Live-Bedingungen, also mir so ein Konzert anzuschauen. Das ist die Musik, die mich am Meisten mitnehmen kann. Und die Musik ... danach fühlt man sich, wie soll ich denn das ausdrücken.. das ist die Musik, die mein Herz berührt (lacht). Das ist am Intensivsten würde ich sagen.

Jussi: Bei mir ist es eher diese musikalische Schiene. Das hört man bei unseren ersten Songs sehr gut, dieses Wechselspiel aus ruhigen und brachialen Parts.. bei schleppender Musik, da kriegst du das sehr gut rübergebracht. Das ist ja bei vielen Bands, dieses laut und leise Schema. Und das ist etwas, wenn man das gut hinbekommt und es nicht ausgelutscht wirkt, dann ist dieser Effekt sehr geil bei jedem Part.

Anna: Jussi wird auch mitgenommen...(lacht).

Jussi: (grinst) .. wobei ich da gar nicht so ein Live-Gänger bin. Auf Platte, solche Musik zuHause oder im Auto.. und die Anlage voll aufdrehen, das ist schon genial!

Anna: Bei mir ist es so.. erst Live, dann Auto, dann zu Hause (lacht)

(...)

UtopiaNow: Wie schreib ihr eure Musik? Wie entstehen eure Songs?

Jussi: Die Stücke entstehen hauptsächlich bei uns zu Hause. Der Schreibprozess hat sich im Grunde genommen von diesem Homerecording-Projekt gar nicht viel gewandelt. Ich wohne mittlerweile mit unserem Lead-Gitarristen Bronco zusammen in einer WG. Und da entsteht das Meiste. Er schreibt was, ich schreib' was, teilweise auf der Couch mit der Akkustik-Gitarre.. Oder wir probieren es dann direkt aus. Wir haben auch Amps und Effekt-Boards zu Hause. Das ist zwar nicht Band-Arbeit dann in dem klassischen Sinne... bei uns gibt es im Prinzip gar keine Jam-Sessions, wie es das bei anderen Bands manchmal gibt. Allerdings finde ich auch, werden die Lieder auch so komplex, dass du jemanden brauchst, der sagt, ok ich hab' mir das und das überlegt an dem Punkt: Dort gibt es jetzt einen Taktwechsel oder nen Break. Die Arbeit hat sich halt so bewährt.

UtopiaNow: Ungewöhnlich, dass du einen Großteil der Songs schreibst, aber Schlagzeug spielst...

Anna: Ein Multi-Instrumentalist!

Jussi: Ich bin eigentlich Gitarrist. Ich hätte am Anfang, als wir die Band gegründet haben gerne Gitarre gespielt, aber in Ermangelung eines Schlagzeugers habe ich dann gedacht, ok dann spiele ich halt Schlagzeug. Gitarristen gibt es einfach öfter als Schlagzeuger. Das ist leider so.

Anna: Für mich war der Jussi am Anfang eigentlich auch eher Gitarrist. Für mich war es auch total komisch, dass er da am Schlagzeug sitzt.

Jussi: Jetzt funktioniert es so ganz gut. Ich hab' mich ganz gut reingefuchst in die Rolle. Und beim Songwriting bin ich eben noch sehr involviert. Ganz oft hat man es ja so, wenn der Basser oder der Drummer Songs abmischen oder schreiben sind diese Instrumente so im Vordergrund. Das kann man dadurch ganz gut vermeiden, dass ich primär eigentlich Schlagzeug spiele.

UtopiaNow: Anna, welche Rolle, oder welche Funktion haben die Texte für dich? Ist das ein Hintergrund um Musik zu machen?

Anna: Die sind schon persönlich, stehen aber inhaltlich gar nicht so im Fokus. Es ist vielleicht gut, dass es Bands mit persönlichen Texte gibt, weil man sieht, ah die haben auch so ihre Probleme, irgendwelche Sachen, die sie beschäftigen. Mir persönlich würde es auch schwerfallen irgendwelche politischen Texte zu schreiben. Ich glaube, das würde auch nicht funktionieren. Ich will mich da auch gar nicht hinstellen und irgendwelchen Leuten irgendwas.. das muss gar nicht so eine krasse Aussage haben. Eher so, dass es den Leuten leichter fällt, in diesen Song insgesamt hereinzufühlen.

Hat es Geschmeckt? "Ja, Danke" (Anna) - Klimper, Klirr- Abgang der leergeputzten Kuchenteller. "Darf ich Ihnen noch etwas bringen?" Haben Sie was gegen Augenkrebs? (in Gedanken)...

Anna: Vor allen Dingen ist diese Musik für mich eine Gefühlssache. Und deswegen sind die Texte auch eher so eine Gefühlssache.

... die Frau am Mikrofon...

UtopiaNow: Ich habe in einem Blog gelesen, das Besondere an Amber sei die Frau am Mikrofon. In Bezug auf die Musik wurden ansonsten die üblichen Genregrößen genannt. Wie findest du so nen Statement?

Anna: Scheiße! Ich will eigentlich gar nicht den Frauen-Bonus haben. Ich bin froh, wenn mich jemand gleichstellt mit Männern. Natürlich.. ich kann es dem Rezensenten nicht verdenken, weil es schon was Anderes ist... gerade auf der Bühne nochmal auffälliger, so wow, da singt ja eine Frau. Aber eigentlich will ich nicht diesen Frauen-Bonus haben, weil ich singe genauso wie jeder andere Typ auch. Ich glaube ich muss jetzt nicht denken, dass ich irgendwas anders mache. Ich will ja für mein Können bewertet werden und nicht für mein Geschlecht. Andererseits ist es ja so, dass einem der Frauen-Bonus manchmal weiterhilft, das darf man nicht vergessen.. schwierig.

Jussi: Wir nutzen das nicht aus, aber man merkt es bei fast jeder Band, die eine Frontfrau oder generell Frauen im Line-Up. Das wird immer als Besonderheit hervorgehoben.

UtopiaNow: Das findet man dann auch oft auf Flyern: female fronted hardcore oder so...

Anna: Die Frage ist auch eigentlich warum?! In anderen Musikrichtungen gibt es auch genug Frauen... oder andere Musikrichtungen sind ja sogar Frauen-dominiert..

Jussi: Es ist so eine Art Exoten-Bonus in diesem Genre. Und dann auch noch Frauen, die schreien, das gibt es noch viel weniger. Das bedeutet dann einen Ticken mehr Aufmerksamkeit. Man kommt gar nicht, drumherum. Wir nutzen das nicht aus. Wir schreiben nicht auf unsere Flyer drauf Amber female-fronted posthardcore ..

Anna: Will ich ja auch gar nicht! Ich will ja, dass wir wegen unserer Musik gemocht werden. Und nicht weil ich jetzt dummerweise nen Mädel bin (lacht).

UtopiaNow: Habt ihr die Tour auch selbst gebucht?

Anna: Wir haben versucht die selbst zu buchen, aber wir sind scheinbar noch so unbekannt, dass es nicht so funktionier hat. Wir haben so ein bisschen Vitamin B, aber nicht genug, als dass wir die Tour hätten vollbekommen. Ich persönlich hab auch das Gefühl, dass uns auch noch gar nicht genug Leute kennen, dass wir so viel spielen können. Das war harte Arbeit. Letztlich hat jetzt André von Narshada Records die gesamte Tour gebucht. Richtig cool!

Jussi: Der glaub an uns! Wir hatten zuerst dieses amerikanische Label, Halo of Flies Records von Corey, und dann ging es darum ein neues Album und dann ging es darum auch ein europäisches Label für nen Co-Release zu finden. Und dann haben wir rumgefragt und André hatte sofort Bock.

Anna: Ende April kommt die neue EP, die wir im Dezember aufgenommen haben. Wir sind gerade in der Mische.

Jussi: Wir warten noch auf die letzten Mixes vom Studio und dann geht es in die Pressung. Ohne den André wäre das im Prinzip alles gar nicht so möglich! Gerade bei den Shows. Auch die Ganze Labelarbeit und die Shows, die erste Pressung, das sind direkt 700 Stück. Alleine hätten wir das niemals stemmen können, alleine finanziell. Auch das Tape-Release ist ja über Corey und Andre gelaufen. Die haben da beide Bock drauf und das ist auf jeden Fall cool! Ein tolles Gefühl, wenn man so unterstützt wird.

UtopiaNow: In welche Richtung geht denn das neue Material?

Jussi: Es ist auf jeden Fall melodischer geworden. Für die erste EP haben wir ja noch viel von dem Material verwendet, dass ich alleine geschrieben habe. Bei den neuen Sachen habe ich viel mit dem Bronco zusammen gemacht. Da sind auch Songs komplett von ihm gekommen. Das hört man schon. Man hört auch, Bronco hat vorher in einer Trash-Metal-Band gespielt, und er ist dann erst durch Amber im großen Stil mit dieser Art von Musik in Kontakt gekommen. Ich finde man hört das auch, dass das Songwriting dadurch beeinflusst worden ist. Es ist nicht mehr ganz so....

Anna: Nicht mehr ganz so düster..

Jussi: Nicht mehr ganz so sludge mäßig, nicht mehr ganz so schleppend. Es klingt aber weiterhin nach Amber und auch nach einer Weiterentwicklung einer Band. So soll es auch glaube ich sein. Wir haben uns zwar am Anfang gedacht, scheiße jetzt klingt das nicht mehr so wie die EP, ganz so sludgig klingt es nicht mehr.. egal so muss es auch irgendwie sein.

UtopiaNow: Da bin ich gespannt..

Anna: Wir auch, was die Welt dazu sagt.

UtopiaNow: So.. jetzt noch Fotos machen und dann schnell rauslaufen ohne zu bezahlen (Gelächter)

Anna: ...als ich neun war, nee oder noch jünger.. als ich sieben war, da waren wir an der Ostsee. Wir waren immer mit zwei Familien im Urlaub. Insgesamt waren wir neun Leute. Und in meiner Erinnerung haben wir immer ewig lange Fahrradtouren gemacht. 

Und dann sind wir immer in irgendwelchen Restaurants gelandet. Und dann waren wir in 'ner Pizzeria und dann hat Vaddern irgendwann gesagt, hier wir gehen heute ohne zu bezahlen und du gehst als erstes! Aber nicht auffällig, sondern rausschleichen (grinst). Und ich hab mich rausgeschlichen und hatte so ein schlechtes Gewissen. Und ich dachte ohhhh..dann sind nach und nach die Kinder rausgekommen und mein Vater hat uns total verarscht! Irgendwann als ich erwachsen war, hab ich dann mal gefragt, habt ihr damals eigentlich bezahlt? Das hat mir so ein schlechtes Gewissen bereitet! Immer wenn jemand sagt, lass uns schnell gehen ohne zu bezahlen, dann denke ich immer daran! (lacht).Das war noch der Schwank aus meiner Jugend.

UtopiaNow: In welchem Alter hast du nachgefragt?

Anna: Ich glaube so mit Mitte Zwanzig ist mir das mal in den Sinn gekommen (lacht). Haben wir eigentlich wirklich bezahlt.

UtopiaNow: Und du hast dich all die Jahre gequält …

Anna: Lacht.. das war ein Trauma, dass das wirklich so in meinem Kopf geblieben ist.

UtopiaNow: Danke für das Interview, Kaffee und Kuchen!

Das komplette Interview lest ihr in der dritte Ausgabe vom UtopiaNow Zine!


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